Wie und über welchen Zeitraum wurde das Modell entwickelt?
Die wissenschaftliche Entwicklung des neuen Gewittervorhersage- Modells wurde durch ein EUMETSAT-Stipendium ermöglicht, welches eine Post-Doc-Stelle bei MeteoSchweiz für drei Jahre finanzierte. Dann arbeiteten wir weitere zwei Jahre daran, den Algorithmus zuverlässig, robust und effizient in den operativen Betrieb zu implementieren.
Was waren die grössten Herausforderungen bei der Umstellung vom physikalischen Modell auf ein KI-Modell?
Es gab ein paar Herausforderungen, ich nenne ein Beispiel: Die Meteorolog/-innen können, wenn nötig, eigene manuelle Gewitterwarnungen ausgeben. Wenn ihre Erfahrung und die Wetterbeobachtung sie dazu bewegt, zu sagen «es kommen Gewitter», obwohl das Modell keine Gewitter vorhersagt, können sie die Technik sozusagen überstimmen. Diese Funktion in das neue Modell zu integrieren, war nicht einfach.
Wann hat sich das neue Prognosemodell zum ersten Mal bewährt?
Seine erste Bewährungsprobe bestand das System am 9. Juni 2026 im Tessin. Am Abend des ersten Betriebstages zog ein aussergewöhnlich starkes Gewitter über das Mendrisiotto. Hagelkörner von bis zu fünf Zentimetern und Rekordniederschläge verursachten erhebliche Schäden. Das neue System warnte vor heftigen Gewittern rund 35 Minuten bevor über 2 cm grosser Hagel per Radar bestätigt wurden. Das neue System hat die Gefahr präzise mit der höchsten Warnstufe auf die Region eingeschränkt und die weniger betroffene Region am Luganersee mit einer Warnstufe 3 gewarnt. Damit bewährte es sich bereits am ersten Einsatztag.
Gibt es auch Nachteile am neuen Prognosemodell?
Der grösste Vorteil des Modells ist auch gleichzeitig sein Nachteil. Wir verwenden hier moderne Technologien. Die Zusammenhänge zwischen Eingangsdaten und Resultat sind komplex und sind schwieriger zu erklären. Es werden spezielle Techniken angewendet, um zu verstehen, wie genau das Modell arbeitet. «Explainable AI», oder XAI ist ein ganzer Werkzeugkasten, der uns dabei hilft.
Aus deiner Sicht: Wird das Wetter bald nur noch vollautomatisch vorhergesagt?
Unsere Dienstleistungen für die Allgemeinheit, die Behörden und unsere Kundinnen und Kunden werden auch weiterhin eine Kombination aus automatischen Vorhersagen und Beratung durch die Meteorolog/-innen sein. Dank der Einführung automatischer Algorithmen werden wir effizienter, schneller und genauer. Aber das menschliche Urteilsvermögen wird auch in Zukunft unersetzlich bleiben: Meteorolog/-innen schauen Vorhersagen kritisch an und beurteilen sie mit ihrer langjährigen Erfahrung mit komplexen Wetter- und Warnlagen.
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