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Als über dem Bodensee Wetterdrachen aufstiegen

MeteoSchweiz-Blog | 09. September 2023
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Wohl die meisten kennen das berühmte Experiment von Benjamin Franklin, der 1752 einen Drachen mit Blitzableiter aufsteigen liess. Aber nur wenigen dürfte bekannt sein, dass in den Anfangszeiten der meteorologischen Forschung auch mit Instrumenten ausgerüstete Wetterdrachen zum Einsatz kamen.

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Um das Wetter zu verstehen, muss man auch in der Höhe messen

Schon früh stellte man in der Entwicklung der Meteorologie fest, dass die wetterrelevanten Prozesse in der Höhe stattfinden und nicht am Boden. Alleine mit Messungen am Boden konnten die meteorologischen Vorgänge und Phänomene nicht erklärt werden. Deshalb wurde bereits in den Anfängen der meteorologischen Forschung versucht, Messgeräte in höhere Luftschichten zu befördern.

Ein Weg war, die Instrumente an einen Fesselballon zu hängen. Nachdem der Ballon wieder am Boden war, konnten die aufgezeichneten Messdaten ausgewertet werden. Später mit dem Aufkommen der Funktechnik wurden ab den 1930er Jahren freifliegende Wetterballone mit sog. Radiosonden eingesetzt, wie sie heute noch im täglichen Einsatz stehen (z.B. in Payerne). Es entstand ein eigenes Teilgebiet der Meteorologie: die Aerologie.

Wetterdrachen kommen auf

Eine heute fast in Vergessenheit geratene Variante, um in der Höhe Messungen vorzunehmen, sind die Wetterdrachen. Mithilfe grosser Drachen wurden Messinstrumente für Temperatur, Feuchtigkeit, Luftdruck und Windgeschwindigkeit in höhere Luftschichten gebracht. So entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts zahlreiche Drachenstationen, wie z.B. in Lindenberg in Deutschland, wo 1919 sogar der Höhenweltrekord eines Drachens mit 9750 Meter aufgestellt wurde! Wetterdrachen kamen dazumal häufiger zum Einsatz als Fesselballone, weil sie günstiger waren.

Wetterdrachen über dem Bodensee

Am 1. April 1908 wurde auch in Friedrichshafen am Bodensee eine Drachenstation gegründet, und zwar von Ferdinand von Zeppelin sowie mit Unterstützung vom König von Württemberg. Von Zeppelin benötigte vor allem genauere Messungen aus der Höhe für das Starten und Landen seiner Luftschiffe. Weil in der Bodenseeregion generell die schwachen Winde dominieren, konnten die Drachen nicht einfach vor der Station gestartet werden wie z.B. in Lindenberg. Ähnlich einem Kind, welches über die Wiese rennt und seinen Drachen steigen lässt, wurde auf dem Bodensee der Wetterdrachen von einem schnellen Schiff aus hochgezogen. Dazu wurde eigens ein Schiff, die GNA, gebaut. Angetrieben von einer Dreizylinder-Dampfmaschine mit 350 PS erreichte die 27 Meter lange GNA eine Höchstgeschwindigkeit von fast 40 km/h.

Drachenaufstiege bis 3000 Meter Höhe

Die Aufstiegsfahrten der GNA fanden meist in der Mitte des Bodensees, oder bei Westwind vor dem Schweizer Ufer statt (weniger Wellengang). In der Regel stiegen die Wetterdrachen bis gegen 3000 Meter hoch, seltener sogar bis 6000 Meter. Ein Aufstieg dauerte rund eine Stunde. Nach der Bergung der Registrierapparate konnten die aufgezeichneten Daten ausgewertet werden. Die Daten wurden sogleich telegrafisch an umliegende Wetterdienststellen verschickt und für die Wetterprognose verwendet. Von der GNA aus starteten nicht nur Wetterdrachen, sondern an windschwachen Tagen auch Fesselballone. Nebst den meteorologischen führte die GNA auch limnologische Messungen durch (Erforschung von Binnengewässern).

Drachenaufstieg von der GNA aus

Die GNA verfügte für die Drachenaufstiege über 3 Seilwinden mit je 10 km Draht (0.6-0.8 mm Durchmesser). Damit der Drachen zum Fliegen kam, musste die GNA auf eine Geschwindigkeit von mindestens 25 km/h beschleunigen. Während des Aufstiegs wurde alle 1000-2000 Meter ein Drachen angehängt.

Nach 1935 verlor die Drachenstation und das Drachenaufstiegsschiff aufgrund des technologischen Fortschritts zunehmend an Bedeutung. Die GNA wurde bei der Bombardierung von Friedrichshafen im April 1944 beschädigt, später gehoben und repariert. Sie kam jedoch nie mehr richtig zum Einsatz und wurde 1954 definitiv verschrottet.

Die Daten der Drachen- und Fesselballonaufstiege wurden aber nicht nur für Prognosen verwendet. Es konnten damit auch die lokalen Wind- und Wetterverhältnisse am Bodensee erforscht werden (siehe Box unten)

Literatur und Berichte zu Wetterdrachen am Bodensee

  • E. Kleinschmidt: Die Drachenstation am Bodensee, aus Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees u. seiner Umgebung 1921. Link
  • U. Kopfmüller: Der Land- und Seewind am Bodensee, aus Schriften des Vereins Für Geschichte des Bodensees u. seiner Umgebung 1926. 1926-01-01. Link
  • W. Peppler: Der Föhn im Bodenseegebiet nach den aerologischen Beobachtungen der Drachenstation, aus Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees u. seiner Umgebung 1926. 1926-01-01. Link