In Hamburg liegt derzeit mehr Schnee als in manchem Bergdorf der Schweiz. Zugegeben: Angesichts des aktuellen Schneemangels in den Alpen ist das schnell möglich. Dennoch sind 16 Zentimeter Schnee in der Hansestadt alles andere als alltäglich. Normalerweise sorgt das vergleichsweise warme Wasser der Nordsee dafür, dass Niederschläge in ihrer Umgebung selbst im Winter meist als Regen fallen. In den vergangenen Tagen jedoch hat sich dieses Muster umgekehrt – in vielen Regionen rund um die Nordsee schneit es immer wieder kräftig.

Verantwortlich für das winterliche Wetter ist ein seit Tagen nahezu stationäres Tief über der Ostsee. Auf seiner Rückseite strömt kalte Luft aus den polaren Regionen über den Atlantik und die Nordsee nach Süden. Diese Luft ist zunächst sehr trocken und würde keinen Schnee bringen.
Doch je länger sie über das Meer hinwegzieht, desto mehr Feuchtigkeit nimmt sie auf. Allein das reicht allerdings noch nicht für Schneeschauer. Erst ein zweiter Effekt macht das System zur sprichwörtlichen „Schneekanone Meer“: Das vergleichsweise warme Wasser erwärmt die Luftschicht direkt darüber. Die dadurch leichtere, feuchte Luft steigt auf, kühlt sich in der Höhe wieder ab – und Wolken entstehen.
Je länger die Kaltluft über das Meer strömt, desto stärker fällt dieser Effekt aus und desto intensiver können die Schneeschauer werden.
Video: Animation Satellit & Radar. Weil der Satellit nur tagsüber im sichtbaren Licht Bilder aufnehmen kann, werden in der Nacht Infrarotkanäle verwendet. Aus diesem Grund entsteht der Wechsel der Farben bei den Wolken und dem Hintergrund während der Animation.
In der Animation ist beinahe lehrbuchhaft zu erkennen, wie sich Wolken und Schneeschauer über der Nordsee bilden und mit der Zeit immer weiter verstärken. Vereinzelt kam es dabei sogar zur Entstehung von Gewittern.
Video: So präsentierte sich das Wetter in Westerheven (D) in der Nacht vom 3. Zum 4. Januar 2026. Zwischen längeren klaren Abschnitten zogen vom Meer her kräftige Schneeschauer über die Gegend. (westerhever-nordsee.de)
Besonders anschaulich zeigt sich der Effekt auch rund um die Britischen Inseln: Über dem kalten Festland wird die Luft weder angefeuchtet noch destabilisiert, weshalb dort kaum Schnee fällt. Im schmalen Meeresstreifen zwischen Irland und Grossbritannien hingegen setzt der Prozess erneut ein – dementsprechend entwickeln sich dort wieder Schneeschauer.
Entlang der norwegischen Küste blieb es dagegen meist trocken. Die sehr kalte und damit schwere Luft über Skandinavien strömte die Berge hinab Richtung Meer. Der dadurch entstehende ablandige Wind hielt die Schauer von der Küste fern.

Im Vergleich mit der Satelliten- und Radaranimation lassen sich viele Unterschiede in den Schneehöhen rund um die Nordsee gut erklären. An der deutschen Küste war es direkt am Meer an einigen Orten noch etwas zu mild, sodass der Schnee dort nur schlecht liegen blieb. Schon wenige Kilometer landeinwärts ist die Schneedecke dagegen deutlich mächtiger.
Die noch höheren Werte weiter südlich sind den Staueffekten sowie den höheren Lagen der Messstationen in den Mittelgebirgen geschuldet. Auf den Britischen Inseln liegt vor allem im Norden sowie entlang der Küsten Schnee. Frankreich hingegen befindet sich gewissermaßen „im Schutz“ der Britischen Inseln: Der kurze Weg der Luft über den Ärmelkanal reichte nicht aus, um kräftige Schneeschauer entstehen zu lassen.

Lösen im Verhältnis zur Luft warme Wasserflächen Schneeschauer aus, spricht man von «Ocean-effect snow» – über Seen wird derselbe Mechanismus als «Lake-effect snow» bezeichnet.

Unsere Schweizer Seen sind meist zu klein, um den Effekt eigenständig auszulösen. Sie können jedoch bestehende Schneeschauer verstärken. Bei kaltem Nordwestwind kommt es zum Beispiel über dem Bodensee manchmal zu verstärkten Schauern, die dann zu anhaltendem Schneefall am Pfänder bei Bregenz führen können.