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Einschätzung des Gewitterrisikos in unseren Tools

MeteoSchweiz-Blog | 09. Juni 2024
16 Kommentare

Eine Frage, die sich besonders während den Sommermonaten immer wieder stellt: Wie wird das Gewitterrisiko anhand unserer Prognoseprodukte auf der Website und in der App interpretiert? In diesem Blog erklären wir Ihnen unsere verschiedenen Applikationen, um das Risiko besser einzuschätzen und Missverständnisse möglichst zu vermeiden.

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Warum ist das Gewitterrisiko oft so schwer einzuschätzen?

Ein Gewitter ist per Definition ein lokales Phänomen, welches zeitlich und räumlich schwer vorherzusagen ist. Auch wenn sich mehrere Gewitterzellen zu einem größeren, organisierten System verbinden, besteht oft noch erhebliche Unsicherheit über das Ausmass und die Intensität des bevorstehenden Ereignisses.

Bei der Einschätzung der bevorstehenden Gewitteraktivität stützen sich die Meteorologinnen und Meteorologen auf die Analyse der erforderlichen Zutaten über ein relativ großes Gebiet. Zu den Gewitterzutaten gehören Feuchtigkeit, Instabilität und ein Hebungsmechanismus. Oft sind alle drei Bestandteile für eine signifikante Gewitteraktivität notwendig. Wenn wir die Windbeschleunigung mit der Höhe (Scherung) addieren, erhöhen wir die Wahrscheinlichkeit, dass die Gewitter besser organisiert und heftiger werden.

Lokale Gewitter sind schwierig vorherzusagen

Kompliziert wird es bei der Spezifizierung von kleinskaligen Gewitterzellen, sowohl geografisch als auch zeitlich. Die Schwierigkeit für die Vorhersage von Gewittern nimmt aus mehreren Gründen zu:

  • Das Vorhandensein oder Fehlen der für die Auslösung von Gewittern erforderlichen Zutaten ist nicht immer leicht zu antizipieren. So kann beispielsweise das Risiko für den Nachmittag des nächsten Tages durch die Überreste der Gewitteraktivität des Vortages (Restbewölkung) beeinflusst werden, die selbst wiederum ungewiss ist.
  • Feuchtigkeit, Instabilität und Luftmassenänderungen können mit einer komplexen Topographie wie in der Schweiz auf lokaler Ebene nur sehr schwer erfasst werden.
  • Es sind numerische Vorhersagemodelle erforderlich, welche die Prozesse im Zusammenhang mit der Wolkenmikrophysik und den atmosphärischen Bedingungen in den unteren Luftschichten möglichst realistisch simulieren. Allerdings haben auch hochauflösende Modelle der neusten Generation Schwierigkeiten, alle Gewitterzutaten richtig zu erfassen. Als Beispiel sei an dieser Stelle auf Windkonvergenzen in den unteren Luftschichten hingewiesen, welche häufig als Auslöser von Gewittern dienen.

Der Unterschied zwischen den verschiedenen Gewitterwarnungen

Bei MeteoSchweiz wird sowohl mit einer Unwetterwarnung bzw. einem sogenannten Gewitterausblick als auch kurzfristig mit sogenannten „Flash Orages“ vor Gewittern gewarnt.

Mittelfristig: Gewitterwarnausblicke (mit oder ohne Vorwarnung) vor möglichen schweren Gewittern für ein relativ großes Gebiet mit einem Zeithorizont von etwa 6 bis 36 Stunden. In der App und auf der Homepage sind die Gewitterwarnausblicke schraffiert dargestellt. Wird gleichzeitig eine Vorwarnung für Gewitter ausgegeben werden zusätzlich die Behörden aktiv informiert.

Diese Warnungen beziehen sich auf die Analyse der oben genannten Gewitterzutaten und warnen die Bevölkerung und mit einer Vorwarnung die Behörden, dass die Bedingungen für schwere Gewitter während des definierten Zeitraums günstig sind. Das heisst aber nicht, dass dann im ganzen vorgewarnten Gebiet auch tatsächlich starke Gewitter auftreten werden.

Kurzfristig: Sogenannte Flash Orage-Warnungen werden ausgesteuert, wenn ein starkes Gewitter im Gange ist, welches innerhalb der nächsten 30 Minuten bis 1 Stunde die gewarnte Region betrifft. In der App und auf der Homepage werden diese Warnungen nicht schraffiert, sondern mit der Farbe der Warnstufe ausgefüllt dargestellt. Es handelt sich also nicht mehr um einen Warnausblick, sondern um eine aktive Warnung. Falls Sie zum Beispiel via App eine Flash Orage-Warnung erhalten, ist es ratsam, unmittelbar Schutz zu suchen.

Die Herausforderung für uns als Wetterdienst besteht darin, den Nutzern die Unterscheidung zwischen Warnausblick (mögliches Risiko) und Akutwarnungen (drohendes Risiko) zu erklären, daher dieser Blog.

Informationen, Daten und Prognosen auf App und Website

Mit immer mehr Technologien verfügt die Meteorologie über eine Vielzahl an Möglichkeiten, die Atmosphäre zu beobachten und ihre Entwicklung vorherzusagen. Wie in der Medizin und vielen anderen Wissenschaften oder Berufen, in denen die Unsicherheit ein wichtiger Faktor bleibt, können diese Instrumente leider manchmal ihre Zielgruppe irreführen. Dies liegt vor allem daran, dass ihre Vorhersage-Grenzen der Öffentlichkeit nicht immer klar erläutert werden. Basierend auf diesen Überlegungen stellen wir ihnen einige Informationstools auf unserer App und Website vor und zeigen deren Stärken und Schwächen in Bezug auf Gewitterwarnungen.

Niederschlagsanimation (auf unserer Website und in unserer App zu finden): Achten Sie darauf, dass Sie zwischen Radarmessung und Vorhersage unterscheiden. Die Radarmessung (auf der Zeitleiste grau markiert) zeigt den Niederschlag, den unser Radarnetz gemessen hat (nach links scrollen). Auf der Zeitleiste blau markiert ist die Prognose der wahrscheinlichen Entwicklung der Radarsignale (Niederschlag) für die kommenden Stunden. Es handelt sich um eine Vorhersage, die sowohl Beobachtungen als auch Modelldaten berücksichtigt.

Bei grossflächigeren Störungszonen mit hoher Prognosewahrscheinlichkeit ist diese Niederschlagsprognose in der Regel zuverlässig, insbesondere bei stratiformen Niederschlägen („Landregen“). Bei Gewitterlagen nimmt die Prognosequalität jedoch ab, insbesondere bei lokalen Gewittern. In diesen Situationen neigt diese Vorhersage dazu, die Entwicklung von Stürmen zu unterschätzen und/oder zu schnell abzubauen. Zudem wird die Prognose alle drei Stunden durch einen neuen Modelllauf aktualisiert und kann sich besonders bei Gewitterlagen gefühlt laufend ändern. Auf die Radarmessung können Sie sich verlassen, die Vorhersage der Niederschläge sollte besonders bei Gewitterlagen kritisch hinterfragt werden.

Gefahrenkarte

Wie oben bereits erwähnt finden Sie auf unserer App oder auf unserer Website Warnausblicke für mögliche schwere Gewitter und Warnungen für aktuelle, schwere Gewitter.

Warnausblicke sind auf unserer Gefahrenkarte durch eine orange schraffierte und oft recht große Fläche dargestellt. Akutwarnungen (sogenannte Flash Orage) sind auf unserer Gefahrenkarte als lokalisierte Region in orange oder rot dargestellt.

Bei einem Klick auf einen Warnausblick wird dessen Gültigkeitsdauer sichtbar. Der Gültigkeitsbereich des Warnausblicks bezieht sich manchmal erst auf den nächsten Tag. Akutwarnungen werden ausgegeben, wenn es sich um ein heftiges, vom Radar erfasstes Gewitter handelt oder die Entwicklung zu einem heftigen Gewitter unmittelbar bevorsteht. Diese Warnungen werden an die stromabwärts gelegenen Gemeinden gesendet. Bei Klick auf die Warnung finden Sie Angaben, ob es sich um ein schnell ziehendes oder ein stationäres Gewitter handelt.

Lokalprognosen mit Wettersymbolen

Bei Gewitterlagen sollten die Lokalprognosen mit Wettersymbolen nur mit Vorsicht konsultiert werden. Da diese Prognosen auf Rohmodelldaten und automatischen Algorithmen basieren, ist die Prognosequalität bei Gewitterlagen eingeschränkt, da von einem Modelllauf zum anderen die Position von Gewittern und deren zeitliches Auftreten stark variieren können. Dies führt auch dazu, dass z.B. die Niederschlagsvorhersage von Modelllauf zu Modelllauf sehr unterschiedlich ausfallen kann. Gewitter können in der Regel nicht auf eine bestimmte Postleitzahl genau vorhergesagt werden.

Zum Schluss

Verlassen Sie sich nicht blind auf die Tools, die auf verschiedensten Wetteranwendungen zur Verfügung stehen. Seien Sie kritisch und beachten Sie die oben beschriebenen Ratschläge. Betrachten sie auch die grossräumige Wetterlage. Dazu dienen auch unsere traditionellen Wetterberichte in Textform (Website oder auf unserer App) mit dem Beschrieb der "Allgemeinen Wetterlage".

Diese Bulletins komplettieren die automatisierten Wetterinformationen und ergänzen das Verständnis für das allgemeine Risiko. In diesem Blog haben wir uns auf die Tools fokussiert, in der Natur ist selbstverständlich auch das Beobachten der Wolken hilfreich, um das Gewitterrisiko abzuschätzen.

Sollten Sie eine persönliche Beratung wünschen, sind wir auch rund um die Uhr für Wetterauskünfte erreichbar. In diesem Sinne wünschen wir Ihnen einen guten Sommer mit möglichst wenigen, wetterbedingten Überraschungen.

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