Auswirkungen des Klimawandels auf die Schweiz – Entscheidungsgrundlagen aus dem Programm NCCS-Impacts
Auswirkungen des Klimawandels auf die Schweiz – Entscheidungsgrundlagen aus dem Programm NCCS-Impacts
Die Auswirkungen des Klimawandels auf die Schweiz sind bereits heute spürbar und betreffen zahlreiche Sektoren. Unter den derzeit geplanten Massnahmen zur globalen Emissionsreduktion steuert die Welt auf eine Erwärmung von knapp 3 Grad Celsius bis Ende Jahrhundert zu. Um die Herausforderungen des Klimawandels zu bewältigen und um geeignete Anpassungsstrategien und gezielte Massnahmen zu entwickeln, benötigen Entscheidungstragende von Bund, Kantonen und Gemeinden sowie der Privatwirtschaft wissenschaftliche Grundlagen und praxisgerechte Instrumente. Zur Erarbeitung solcher Entscheidungsgrundlagen wurde 2020 von der NCCS-Direktorenkonferenz das Programm NCCS-Impacts initiiert.
Das NCCS-Impacts Programm brachte von 2022 bis 2026 verschiedene Bundesämter, Forschungsinstitutionen und Akteure aus der Privatwirtschaft und Nichtregierungsorganisationen in einem nationalen Programm zusammen. Gemeinsam entwickelten sie praxisnahe Entscheidungsunterstützungen für den Umgang mit Klimafolgen. An der Erarbeitung der Ergebnisse waren mehr als 100 Personen aus mehr als 20 Organisationen beteiligt. MeteoSchweiz nahm dabei die Programmleitung und Programmkommunikation wahr.
NCCS-Impacts basiert auf dem Bundesratsbeschluss vom 12. August 2020 (Anpassung an den Klimawandel in der Schweiz – Aktionsplan 2020-2025). Die Finanzierung erfolgte erstmals gemeinschaftlich über die Ressortforschung der sieben beteiligten Bundesämter sowie durch in-kind Leistungen von ETH Zürich und WSL und wurde zentral durch MeteoSchweiz koordiniert. Die Durchführung des Programms NCCS-Impacts war auch Bestandteil der Legislaturplanung 2023-2027.
Im Rahmen vom Programm wurden fünf sektorenübergreifende Projekte zu sozioökonomischen Szenarien, Lieferketten, Ökosystemleistungen, Mensch- und Tiergesundheit, sowie den Kosten des Klimawandels umgesetzt. Das Thema kritische Energieinfrastruktur wird über das Programmende hinaus im Rahmen einer Joint Initiative zwischen NCCS und dem SWEET-Programm des BFE weiterbearbeitet.
NCCS-Impacts zeigt für die Schweiz ein vielfältiges Bild an Klimafolgen: Die gesundheitliche Belastung der Bevölkerung wächst, insbesondere für vulnerable Gruppen. Gleichzeitig beeinträchtigt der Klimawandel Böden, Wälder und Gewässer und damit die Landwirtschaft sowie weitere zentrale Ökosystemleistungen für Gesellschaft und Wirtschaft. Auch die Risiken für Gebäude und kritische Infrastrukturen wie Verkehrswege und Stromversorgung nehmen zu. Insgesamt steigen die wirtschaftlichen Kosten sowohl durch direkte Auswirkungen des Klimawandels in der Schweiz als auch durch Folgen des Klimawandels entlang internationaler Lieferketten.
Die Ergebnisse der sektorübergreifenden Projekte werden aus drei verschiedenen Perspektiven dargestellt: Ökosysteme, Infrastruktur und Wirtschaft und Gesundheit Die Grenzen zwischen diesen Perspektiven sind jedoch fliessend, denn die Auswirkungen des Klimawandels überlagern sich und führen zu komplexen Wechselwirkungen über Sektorgrenzen hinweg.
NCCS-Impacts basiert auf den Klimaszenarien CH2018. Betrachtet werden dabei vorwiegend die Auswirkungen des hohen Emissionsszenarios RCP8.5, das als «Szenario ohne globalen Klimaschutz» bezeichnet wird. Dieses hohe Emissionsszenario RCP8.5 gilt mittlerweile als wenig wahrscheinlich, da erneuerbare Energien günstiger werden, Massnahmen zur Vermeidung von Treibhausgasemissionen umgesetzt werden und die Emissionen weniger stark steigen als früher angenommen. Gleichzeitig gelten auch sehr niedrige Emissionsszenarien von der beobachteten Entwicklung als überholt. Mehr zur Entwicklung von Klimaszenarien auf diese MeteoSchweiz-Blog.
Trotzdem sind die hier diskutierten Auswirkungen nach wie vor relevant. Dies hat folgende Gründe:
In NCCS-Impacts liegt der Fokus auf der Periode um das Jahr 2060. Für diesen Zeitraum spielt die Wahl des Emissionsszenarios eine untergeordnete Rolle. Die mittleren Änderungswerte gemäss RCP8.5 liegen 2060 in einem Bereich, der auch bei einer moderateren Emissionsentwicklung erreicht werden könnte.
Mit dem Fokus auf 2060 unter RCP8.5 betrachtet NCCS-Impacts eine um etwa 3 Grad wärmere Welt gegenüber der vorindustriellen Zeit. Unter den derzeit geplanten Massnahmen zur globalen Emissionsreduktion steuert die Welt bis Ende Jahrhundert auf eine solche 3-Grad-Welt zu. Die für die Schweiz berechneten Klimaänderungen um 2060 gemäss CH2018 liegen in einer ähnlichen Grössenordnung wie die Klimaänderungen in einer 3-Grad-Welt der neuesten Szenariengeneration Klima CH2025. Die Erwärmung fällt in den CH2018-Klimaszenarien jedoch etwas geringer aus.
In der Risikobetrachtung dienen Szenarien als Werkzeuge, um die Bandbreite plausibler Entwicklungen aufzuzeigen. Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger können ihre Planungen dann – je nach individuellem Schutzbedarf – innerhalb dieser Bandbreite ansetzen.
Allgemein ist darauf hinzuweisen, dass die besprochenen, zukünftigen Änderungen nicht als konkrete Vorhersagen zu interpretieren sind. Es handelt sich um Projektionen unter bestimmten Rahmenbedingungen (insbesondere der globalen Emissionsentwicklung). Auch wenn die Ergebnisse im Dokument zugunsten der Lesbarkeit oft direkt und abschliessend formuliert sind, sind alle Aussagen naturgemäss mit wissenschaftlichen Unsicherheiten behaftet.
Eine essentielle Grundlage für die Analyse von Klimarisiken bilden sozioökonomische Szenarien. Mit den sozioökonomischen Szenarien für die Schweiz (SSP-CH) liegen erstmals konsistente Zukunftsbilder zu gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen bis 2100 vor. Sie bauen auf den Shared Socioeconomic Pathways (SSPs) des IPCC auf und übertragen diese auf die Schweiz.
Die zentralen Erkenntnisse von NCCS-Impacts sind in den folgenden Kernbotschaften zusammengefasst:
Das Programm NCCS-Impacts untersuchte ausgewählte Auswirkungen des Klimawandels auf die Schweiz in mehreren sektorübergreifenden Projekten. Die erarbeiteten Grundlagen und Tools unterstützen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger dabei, Klimafolgen einzuschätzen und Anpassungsmassnahmen zu planen.
Die Projekte legen auch Lücken in den heutigen wissenschaftlichen Grundlagen zu den Folgen des Klimawandels offen. So fehlen in vielen Sektoren belastbare quantitative Daten zum erwarteten Ausmass der Auswirkungen des Klimawandels, insbesondere der Klimaextreme – etwa in Form von Schadensfunktionen und der durch Schäden oder Anpassungsmassnahmen verursachten Kosten. Die Ergebnisse zeigen, dass für eine quantitative und ökonomisch abgestützte Planung in verschiedenen Bereichen weiterhin erheblicher Wissensbedarf nach einer robusten nationalen Datengrundlage besteht
Die Analyse der Auswirkungen des Klimawandels zeigt, wie vernetzt die betroffenen Sektoren sind und welch wichtige Rollen die indirekten Folgen oder sich gegenseitig verstärkende Faktoren spielen können. Zum Beispiel führen häufigere Hitzeereignisse neben den gesundheitlichen Folgen auch zu einer abnehmenden Arbeitsproduktivität, was wiederum die Wirtschaft schwächt. Umgekehrt beeinträchtigen klimabedingte Einschränkungen der Lieferketten für Medikamente im Ausland die Gesundheitsversorgung.
NCCS-Impacts legte deshalb einen besonderen Fokus auf disziplinen- und sektorübergreifende Analysen. Die inter- und transdisziplinären Projektteams förderten mittels Ko-Produktion und Stakeholder-Workshops den Einbezug von Personen aus der Praxis, Nichtregierungsorganisationen oder Industrie und versuchten Perspektiven aus verschiedenen Sektoren zu integrieren.
Der Klimawandel ist vielerorts bereits heute spürbar. Je nach sozioökonomischer Entwicklung, Wirksamkeit der Massnahmen des Klimaschutzes und Verlauf der globalen Treibhausgasemissionen werden sich die Risiken des Klimawandels bis 2060 in unterschiedlichem Ausmass verstärken. Bei einem unzureichenden globalen Klimaschutz wird sich die Entwicklung des Klimawandels und seiner negativen Folgen über das Jahr 2100 hinaus weiter beschleunigen.
Im Zuge dieser Entwicklungen entstehen auch neue Risiken und bestehende Risiken verstärken sich. Einige davon erscheinen heute noch wenig relevant oder erhalten bisher nur begrenzte Aufmerksamkeit. Dazu gehören beispielsweise zusätzliche Herausforderungen für kritische Infrastrukturen sowie vektorübertragene Infektionskrankheiten beim Menschen und in der Tiergesundheit.
Über die vertiefte Analyse solcher Risiken hinaus hat die Arbeit an NCCS-Impacts Folgendes gezeigt: Die Betrachtung verschiedener Szenarien zur sozioökonomischen Entwicklung ist entscheidend, um für den Klimawandel zu planen, die Anpassungsfähigkeit der Gesellschaft gezielt zu stärken und zukünftige Risiken vorausschauend zu mindern. Solche Szenarien bilden das Fundament für ein effektives, sektorübergreifendes und langfristiges Risikomanagement.
Die Folgen des Klimawandels und die Anpassungskosten werden die Volkswirtschaft, private Haushalte und die öffentliche Hand vor beträchtliche finanzielle Herausforderungen stellen. Die wichtigste und effizienteste Massnahme gegen diese Entwicklung bleibt die Reduktion der globalen Emissionen. Um das Übereinkommen von Paris zu erreichen, muss die Weltgemeinschaft ihre Emissionen schnell und deutlich senken. Gemäss den Klimaszenarien Klima CH2025 des Bundes vermindert jede Reduktion die Klimafolgen, auch in der Schweiz. Ein konsequenter Klimaschutz ist und bleibt vordringlich.
Mit NCCS-Impacts konnte zum ersten Mal ein nationales Programm umgesetzt werden, welches eine enge Zusammenarbeit verschiedener Bundesinstitutionen, Hochschulen und privater Unternehmen ermöglichte. In dieser Konstellation wurden systematisch die für Bund, Kantone, Gemeinden, Wirtschaft und Gesellschaft relevanten Auswirkungen des Klimawandels sektorübergreifend und transdisziplinär im Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis untersucht. Zudem konnten wichtige Klimadienstleistungen weiterentwickelt werden, sodass Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger besser mit Klimarisiken umgehen können. Damit wurden auf breiter Basis Grundlagen und Instrumente für den Umgang mit Klimafolgen in der Schweiz erarbeitet. Die Ergebnisse und Klimadienstleistungen stehen für die Nutzung und Anwendung zur Verfügung. Ihre langfristige Relevanz für eine resiliente Schweiz setzt jedoch voraus, dass sie regelmässig überprüft und an neue Erkenntnisse angepasst werden.